
Der Haushalt des Kreises sieht für 2025 rund eine Million Euro für die Beschaffung von Tablets für jede Schüler:in vor. Wir sehen das sehr kritisch und beantragten deshalb den Verzicht auf diesen Haushaltsposten, auch weil alle Schulen mit einer ausreichenden Zahl an Klassensätzen an digitalen Endgeräten ausgestattet sind. Der Antrag wurde von Birte Könnecke initiiert und in der Fraktion abgestimmt. Leider hat der Struktur- und Finanzausschuss des Kreistages mehrheitlich gegen unseren Antrag gestimmt.
Hier der Antrag und die ausführliche Begründung im Wortlaut:
Die SPD-Fraktion im Kreistag stellt den folgenden Antrag:
Der Kreistag möge beschließen die für 2025 vorgesehene Beschaffung von Tablets für den Gesamtbetrag in Höhe von 985.000 EUR nicht einzuplanen und die Kreisumlage entsprechend zu senken.
Begründung:
Im Haushaltsplanentwurf für das Jahr 2025 sind für die Anschaffung von Tablets im Bereich der allgemeinbildenden Gymnasien 673.000 Euro und im Bereich der Berufsschulen 312.000 Euro eingestellt. Dabei handelt es sich um die dritte von drei Tranchen, die nun insbesondere die Klassenstufen 9 und 10 bedienen soll. Die Klassen 11 und 12 der Gymnasien, sowie zusätzlich die Klassen 13 der beruflichen Gymnasien wurden bereits in den Jahren 2023 und 2024 „bedient“.
- Die Finanzlage des Landkreises ist dramatisch. Insbesondere hat der Kreis kein Geld, um es für Dinge auszugeben, für die er nicht zuständig ist, wie die Umsetzung der Lehrmittelfreiheit. Die Kommunen, deren Haushaltsplanungen teilweise noch dramatischer aussehen, ächzen unter der vorgesehenen Erhöhung der Kreisumlage. Eine Senkung der KU um fast eine Mio. EUR ist schon deshalb dringend geboten.
- Zur finanziellen Perspektive gehört auch das Thema Bildungsgerechtigkeit. Kein anderer kommunaler Schulträger im Landkreis wäre wohl bei der aktuellen Haushaltslage in den Gemeinden finanziell in der Lage eine Ausstattung der 9. Und 10. Klassenstufen in den Realschulen und Gemeinschaftsschulen vor zu nehmen.
- Auch aus pädagogischer Sicht wird die Anschaffung nicht befürwortet. Der Mensch lernt das Lernen im Analogen. Immer mehr Lehrerinnen und Lehrer beklagen, dass die Bereitschaft, über Fragestellungen nachzudenken und sich mit Aufgaben zu beschäftigen, durch das Vorhandensein aller Antworten durch einen Klick, rapide abnimmt. Chat-GPT schreibt jeden Text in Sekunden, wozu sich noch selber Gedanken machen? Die Aufmerksamkeitsspanne der Schülerinnen und Schüler lässt stark nach während gleichzeitig die Bildschirmsucht zunimmt. Unsere Jugendlichen haben nicht zu wenig Digitales, sondern zu viel. Auch die Eltern klagen häufig, dass sie durch die Bereitstellung von Tablets überfordert sind darin, den Umgang mit digitalen Medien auf ein vertretbares Maß einzuschränken. Hier wird von Landkreisseite in einer Form in die grundlegende Pädagogik eingegriffen, die nicht vertretbar ist. Um den sinnvollen Umgang mit digitalen Medien zu lernen, ist es ausreichend, eine gewisse Anzahl an Klassensätzen in jeder Schule zu haben und diese dann gezielt im Unterricht einzusetzen. Zahlreiche andere Länder sind diesen Weg vor uns gegangen und rudern mittlerweile zurück.
Hier einige Beispiele und Belege:
- Frankreich testet "digitale Pause": Handyverbot an 200 Schulen. Sollte das Experiment erfolgreich sein, werden alle Schulen in Frankreich das Handyverbot einführen (de.euronews.com)
- Australien plant Verbot von Social Media für Kinder. Die australische Labour-Regierung will Kindern und Jugendlichen den Zugang zu sozialen Medien künftig erst ab 16 Jahren erlauben (tagesschau 7.11.2024)
- Schwedens Bildungspolitik rudert zurück„Wir haben zuviel digital gemacht“ (tagesschau 17.12.2023). Lange war Schweden stolz auf seine digitalen Klassenzimmer. Doch daran gibt es inzwischen viel Kritik.
- Weitere Ausführungen dazu überlassen wir in der Anlage 1.
Anlage 1:
Zur Bildungspolitik in Schweden:
Die Lernkompetenz gehe stark zurück, warnt Schwedens Regierung und will wieder mehr Bücher in den Schulen sehen. In vielen schwedischen Klassenzimmern beginnt langsam eine Kehrtwende. Denn selbst Grundschüler wurden hier über Jahre fast ausschließlich digital unterrichtet. Erst vor fünf Jahren empfahl die Schulbehörde in einer nationalen Richtlinie digitale Lehrmittel wie Laptops oder Apps einzusetzen.
Das habe auch Nachteile mit sich gebracht, sagt Grundschullehrerin Jeanette Wiberg. "Die Lesegeschwindigkeit, der Wortschatz und das Leseverständnis sind insgesamt bei den Schülern zurückgegangen. Wir glauben, dass es daran liegt, dass wir zu viel digital gemacht haben."
Zum Buch: CDU schaut nach Skandinavien (table.media)
Skandinavien debattiert über die Digitalisierungsstrategie an Schulen. Die Bestandsaufnahme ist in Dänemark, Schweden und Norwegen ähnlich – zu viel Bildschirmzeit, zu wenig Lesezeit. Der Norden zieht nun überraschende Konsequenzen.
Die Digitalisierungsskepsis nimmt in Skandinaviens bildungspolitischen Debatten immer mehr Raum ein. Innerhalb und außerhalb der Parlamente wird etwa in Dänemark, Schweden und Norwegen diskutiert: Wie sieht ein altersgerechter Einsatz digitaler Medien aus? Grundtenor: weniger Bildschirmzeit, mehr Lesezeit im gedruckten Buch.
Die Schüler*innen verlernen das Schreiben auf Papier und kommen mit der Zeit im Abitur nicht mehr hin“ (Aussage von Schülerhilfe. Freiburg im Sommer 24)
Kritik an Digitalisierung in Schulen nimmt zu (tessin-zentrum.de 29.01.2024)
Von "Tablet-Wahn" und "Verdummung" durch Digitalisierung ist in deutschen Medien neuerdings die Rede.
Prof. Zierer zur Schulpädagogik
Die "Süddeutsche Zeitung" veröffentlichte am 19. Januar 2024 einen Artikel des Augsburger Professors für Schulpädagogik Klaus Zierer, der darauf hinweist, dass die wenigen positiven Effekte des Technikeinsatzes in Schulen (vor allem Grundschulen) von negativen bei weitem überlagert werden. Kognitive Leistungen wie Lesen und Schreiben, die Gesundheit und psychische Entwicklung der Kinder im Allgemeinen sowie ihre körperliche Aktivität und ihr Sozialverhalten werde durch Smartboards, Tablets und Co. beeinträchtigt. Zwar gehörten digitale Medien mittlerweile zum Alltag der meisten jungen Leute, aber allein daraus lasse sich kein positiver Effekt auf Lernen und Bildung ableiten.
Zierer beruft sich bei seiner Kritik auf Publikationen des schwedischen Karolinska-Instituts, auf den globalen Bildungsbericht der UNESCO und auf die neueste PISA-Studie.
Zu unterscheiden ist laut Zierer auch zwischen Lernen und Bildung:
"Bildung ergibt sich nicht automatisch aus Lernen."
Während digitalen Medien, je nachdem, wie sie eingesetzt werden, unter Umständen gewisse positive Effekte auf das Lernen abzugewinnen sind, gilt dies nicht von der Bildung. Bildung hat mit Denken, Fühlen und Wollen, mit dem Zusammenspiel der drei Seelenkräfte im Handeln zu tun. Hier sind vor allem die schädlichen Auswirkungen digitaler Medien auf die in Bildung Begriffenen zu verorten: "Ablenkungsherde, mögliches Suchtverhalten" und digital induzierte "Depressionen", Mobbing.
Der Erwerb von Medienkompetenz ist lang und mühselig, sie bedeutet nicht nur die Fähigkeit, einen Touchscreen zu bedienen oder Instagramvideos zu posten, sondern – vor allem – den verantwortungsvollen Umgang mit den gebotenen Möglichkeiten, sowohl gegenüber sich selbst als auch gegenüber anderen. Eine "pädagogisch vernünftige Digitalisierung" räumt dabei der Pädagogik auf jeden Fall Priorität vor der Technik ein, so Zierer.
Auch im Kölner Stadtanzeiger kommt Klaus Zierer, "renommierter Mitautor der Hattie-Studie" zu Wort:
"Wir digitalisieren das ganze Bildungssystem mit Milliarden digitaler Geräte durch, ohne die empirische Evidenz zu beachten, was wirklich sinnvoll ist und ab welchem Alter".